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Die Freiheit findet einen Weg

Autor*in: PROF. DR. LUCIEN OLIVIER

Dass die staatlich gelenkte Zentralwirtschaft des Gesundheitswesens in Deutschland ein schwieriger Partner für den freien Beruf des Arztes ist, ist im ländlichen Raum schon bestens spürbar. Die Jungen haben keine Lust mehr, sich von ihr gängeln zu lassen. Der Zentralwirtschaft laufen trotz einer Milliarden Euro pro Tag im Gesundheitswesen die Leute weg. Von dieser Zentralwirtschaft unabhängige Nischen zu finden und unternehmerisch auszuschöpfen, ist aber sehr gut möglich und der Markt wächst.

Prof. Lucien C. Olivier leitet seine unabhängige Gutachterstelle + Praxis in Cloppenburg seit 2011.   

Meine Gutachterstelle + Praxis in Cloppenburg ist direkt gegenüber dem Krankenhaus. Bei mir herrscht kein Gedränge. Ich verzichte bewusst weitestgehend auf die Staatsmedizin. Ärztliche Unabhängigkeit und Freiheit ist mir wichtig! Dafür habe ich zu viel gesehen und verantworten müssen! Bei mir in der Gutachterstelle + Praxis fühlt man sich wie in einer medizinischen Kanzlei mit angeschlossener ärztlicher Praxis. Der bewusste Verzicht auf die Kassenmedizin führt dazu, dass für die berufsgenossenschaftlichen und die privaten Patienten sehr viel mehr Zeit bleibt. Patienten kommen als Selbstzahler auch zur Einholung einer unabhängigen Zweitmeinung. Denn manche Patienten haben heute das Gefühl, wer nicht bei drei auf dem Baum ist, wird operiert. Eine Entwicklung, die falsch ist – aber sie ist gefühlte Realität. Denn heute unterhält man sich als Krankenhausarzt nicht über Anzahlen von Betten, Assistenten, Oberärzte oder Operationen und deren Methoden, sondern über betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie den sog. Case Mix Index (CMI). Dieser Index beschreibt die Schwere der Fälle, die man zum Beispiel in einem Jahr behandelt hat, als Durchschnittswert. Multipliziert mit dem landeseinheitlichen Fallwert und der Fallzahl errechnet man so den Umsatz in Euro, den ein Chefarzt im Jahr erwirtschaftet. Wollen wir, dass Ärzte so denken?

Über 35 Jahre klinische und operative Erfahrung als Oberarzt an der Universitätsklinik Essen und Chefarzt haben mich die Medizin mit anderen Augen sehen lassen, als das heute von einem Arzt erwartet wird. Nicht wenige Ärzte verdienen gerne Geld, aber zu welchem beruflichen Preis? Es fällt mir schwer, gerade operative Fälle in meinen Fachgebieten der Chirurgie, Orthopädie, Unfall-, Hand- und Wirbelsäulenchirurgie als Cashcows zu sehen und nur von operativen Schlagzahlen und Umsätzen in Euro zu sprechen. Bin ich dafür Arzt geworden? Diese moderne Situation hat die inhaltlichen Verantwortlichkeiten in den Krankenhäusern auf den Kopf gestellt. Anstatt auf die medizinisch Verantwortlichen zu hören, wackelt nun der Schwanz mit dem Hund statt umgekehrt, wenn Sie verstehen was ich meine. Wenn es in meiner Familie darauf ankommt, soll ein Arzt mit mir sprechen, kein Ökonom! Das Ärzte Krankenhäuser und Praxen erfolgreich leiten können, ist bekannt.

Nun gut! Ich muss es keinem Verwalter mehr recht machen und bin nur der medizinischen und ärztlichen, also der objektiven Sachlage gegenüber verpflichtet. Und mein Laden läuft trotzdem!

Gerade im Gutachterwesen viele verschiedene Auftraggeber zu haben, macht eindeutig den Kopf frei. So kann man auch mal Nein sagen und Dinge ärztlich klarstellen, die andere vielleicht zu „preußisch" sehen wollen. Insbesondere hilft das bei der objektiven Beurteilung von funktionellen Schäden, Berufsunfähigkeit und Arbeitsunfähigkeitszeiten. In vielen Fällen geht es für die Betroffenen um sehr viel Geld – auch schon mal um Millionen von Euro. Versicherungen und selbst Patienten haben daher keine Probleme, die Kosten für ein privates, unabhängiges Gutachten zu übernehmen. Chancen und Risiken auch als Patient rechtzeitig privat abwägen lassen zu können, macht wirklich frei.

In der operativen wie konservativen Medizin ist es in den letzten Jahren zu einer deutlichen Spezialisierung gekommen, sodass die Auftraggeber medizinischen Gutachtern immer mehr hoch spezialisierte Fragen stellen. Man muss also dranbleiben als Gutachter! Neben meiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit bei der Entwicklung und Erprobung von Medizinprodukten unterrichte ich daher an der Medizinischen Hochschule Hannover regelmäßig Studenten der höheren Semester und betreue Doktorarbeiten. Eigentlich haben sich die jungen Ärzte gar nicht verändert, nur der Zeitgeist kommt nicht mit!

Während die klassischen Auftraggeber für ärztliche Gutachten meist Versicherungen sind, sind Anfragen zur Arzthaftung von Privatpersonen und medizinischen Fachjuristen auch aus dem deutschsprachigen Ausland zur Routine geworden. Die Dokumentationspflichten von Ärzten und Krankenhäusern nehmen stetig zu. Voraussetzung dafür ist für uns eine spezielle personelle und technische Logistik. Kunden sind unter anderem Sozialgerichte, Land- und Oberlandesgerichte, Berufsgenossenschaften, Schlichtungsstellen, Behörden und eben auch Versicherungen aller Art aber immer mehr Privatleute und Fachanwälte. Der Datenschutz hat eine große Bedeutung.

Die Aktenmengen für medizinische Gutachten haben durch die ärztlichen Dokumentationspflichten extrem zugenommen.   
Ein Medikalprodukt gegen Langeweile im Krankenhaus. Jeder kennt den sogenannten Bettgalgen im Krankenhaus. Mit diesem Griffzähler wird dessen Nutzung messbar. Einerseits als Beschäftigung andererseits mit integrierter Überwachungssensorik zur verbesserten Sicherheit der Patienten.   

Im Bereich der Medizin- und Medikalprodukte spielt das Consulting und die klinische Erprobung unter kontrollierten Bedingungen in der eigenen Praxis eine entscheidende Rolle. Aktuell müssen sich die Zertifizierungsstellen (notified bodies) in Europa selbst zertifizieren; viele Produkte müssen dann neu von diesem bewertet werden. Man wird gutachterliche Hilfe brauchen. Wissenschaftliche Erfahrungsanalysen und die Prüfung auf medizinische Wirksamkeit eröffnen so ein weiteres Feld. Aber auch die experimentelle Entwicklung und Erprobung eigener Geräte ist eine Nische für einen unabhängigen Arzt.

Und es geht weiter: Die Tätigkeit als Beratungsarzt für Versicherungen bei der fachlichen Prüfung von privatärztlichen Leistungen wächst. Die Kollegen im Krankenhaus und die Praxen stehen unter immensem Druck. Chefarzt heute zu sein ist schwierig. Die privaten Liquidationen werden von den Krankenhäusern regelrecht abgeschafft. Die Folge: Die geringen Restmöglichkeiten werden nun zu Lasten der privaten Kassen maximal ausgenutzt. Wen wundert das? Der Kreis schließt sich hier auch für den privaten Gutachter als Beratungsarzt dieser Kostenträger.

Natürlich kann man sich an die Plan- oder Zentralwirtschaft im Gesundheitswesen gewöhnen. Viele Ärzte sind auch zufrieden. Aber ab wann sagen sie einmal Nein? Ich sehe hier eine Art „Stockholmsyndrom". Gewöhnung und die Uneinigkeit unter den Ärzten erleichtern der Planwirtschaft die Beschränkung der Freiheit eines Berufes, der die klare Aufgabe hat, dem Staat auch seine Grenzen aufzuzeigen. Aber gegen die Windmühlen des Zeitgeistes anzurennen hat auch keinen Sinn, dann lieber die Nische einer ärztlichen Gutachterstelle, diese wird von niemandem hinterfragt.

Die unabhängige fachliche Expertise ist Teil unserer Rechtsordnung. Private Klagen vor Gericht gegen institutionelle Gegner wie Berufsgenossenschaften, Rentenversicherer und andere unterliegen juristisch einem immer wichtiger werdenden Schutz. So gilt es mittlerweile als selbstverständlich, dass private Gutachten, die vom Bürger direkt vor Gericht vorgelegt werden, vom Klagegegner erstattet werden müssen. Dies ist im Sinne der Herstellung einer Waffengleichheit des Privatmannes gegenüber zum Beispiel auch allen übermächtig erscheinenden Körperschaften des öffentlichen Rechtes (zum Beispiel Berufsgenossenschaften) oder auch Versicherungsunternehmen. Gelingt die Klage, sind die Kosten für das Gutachten durch die beklagte Institution zu übernehmen. Dazu kommt, dass Patienten und Versicherungsnehmer ihre Rechte immer offensiver vertreten und ohnehin den Respekt vor Institutionen aller Art verloren haben. So willigen gerade Rechtsschutzversicherungen gerne in ein vorprozessuales privates Gutachten zur fachärztlichen Prüfung durch meine Gutachterstelle ein.

Dass die Planwirtschaft im Gesundheitswesen an ein natürliches Ende kommt, spürt eigentlich jeder. Denn es fehlt mittlerweile nur noch ein kleiner Schritt zur vollständigen Verstaatlichung. Die patientenferne Ökonomie bestimmt brachial die Spielregeln und gängelt die medizinischen Entscheidungen. Das ist fühlbar nicht nachhaltig! Planwirtschaften, die inhaltlich nahe dem Ende sind, laufen die Leute weg und zuletzt werden sie streng und schaffen immer mehr Regeln und Beschränkungen. Ersetzen wir doch einfach mal den ökonomisierten Begriff der Qualitätssicherung durch Zufriedenheit. Die Moderne ist aber nicht mehr aufzuhalten. Die Telemedizin funktioniert sicher nicht staatlich. Die künstliche Intelligenz macht sachliche Entscheidungen schneller und scheinbar effektiver. Aber die Menschen brauchen weiterhin den engagierten und unabhängig denkenden Arzt; sie wollen schlicht zufrieden sein. Wer soll denn sonst mit ihnen zusammen entscheiden – der qualitätssichernde, planende Staat?

Beratung und Kommunikation zwischen Patienten und entfernten Dienstleistern bleibt auch personengebunden. Schon heute werden bei mir Anfragen nach optimalen Therapieorten in Deutschland digital erfasst, mit evidenzbasierten Behandlungsangeboten zeitgleich abgeglichen, Transportwege und Aufnahmekriterien geklärt sowie „just in time" abgewickelt. Und trotzdem werden Empfehlungen wo, was, wann, wie und durch wen im ärztlichen Gespräch entschieden. Patienten und Ärzte haben sich nicht verändert! Ein klares Bekenntnis zur Nische im Schatten des Zeitgeistes!

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