Bauwirtschaft

Planelemente aus Holdorf

Autor*in: DANIEL MEIER

Norddeutschlands erster Bausatz für komplette Häuser – Verschnittfreies Bauen für die Umwelt – Erste vollautomatische Presse der Welt in Holdorf – Standort Holdorf ist das größte Werk der BMO – Beitrag zum Bau bezahlbarer Wohnungen

Eine aus Planelementen erstellte neue Siedlung in Lohne.   

Holdorf. Vor 25 Jahren war es eine norddeutsche Premiere: Erstmals wurden hier Planelemente aus Kalksandstein produziert; in ganz Deutschland gab es nur drei weitere Anlagen. Das Werk Holdorf der heutigen Baustoffwerke Münster-Osnabrück schrieb damit ein Stück Baugeschichte: Erstmals konnte ein Haus wie aus dem Legokasten aus einem komplett gelieferten Bausatz gefertigt werden. Keine fehlenden Steine, kein Verschnitt und somit kein Abfall auf der Baustelle. Unter Umweltaspekten heute mehr denn je ein Argument.

Für diesen individuell zugeschnittenen Bausatz erstellt das Partnerunternehmen ISOCOM aus den Ausführungsplanungen des Architekten sogenannte Wandabwicklungspläne/ Wandscheiben – jeweils für die einzelnen Bauabschnitte. Diese nutzen die Verarbeiter auf der Baustelle als Verlegepläne. Die Informationen dieser Pläne werden online in das Kalksandsteinwerk Holdorf übertragen, so dass die jeweiligen Passsteine hergestellt, auf Paletten gepackt und zeitnah abgerufen werden können. ISOCOM mit Sitz in Saarlouis eröffnete 1993 ihr erstes Filialbüro auf dem Werksgelände in Holdorf, bevor es zum heutigen Standort nach Diepholz verlegt wurde.

In dem Werk werden seit 1932 Steine produziert. 1948 kam die erste von Atlas in Bremen hergestellte Kalksandstein-Presse nach Holdorf. 1955 wurde dort die erste vollautomatische Presse der Welt, eine Atlas 400 A, installiert. Mit ihr konnten auch KS-Lochsteine produziert werden. Besucher aus dem In- und Ausland kamen, um die Neuerung zu besichtigen. Bereits seit den siebziger Jahren gibt es ein breites Angebot an Blocksteinen und 1994 wurden dann die ersten Planelemente Norddeutschlands produziert. Nach Differten (im Saarland), Freistett (bei Kehl/Offenburg) und Kaarst (bei Düsseldorf) war es die vierte Anlage in Deutschland. Theodor Schnepper, der Sohn des Firmengründers, war die treibende Kraft. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Dr. Hans Georg Leuck wurde die komplette Umgestaltung des Werkes geplant und durchgezogen. Dazu gehörte auch ein eigener Markenauftritt für die neue Produktline.Eingeführt wurde das Bausystem unter der Marke KS*KOMPLETT. Seit 2002 wird es mit dem heute bekannten Dienstleistungspaket als KS*PLUS vermarktet. Mit diesem System kommen die Elemente als fertiger Bausatz auf die Baustelle, passend für jedes Objekt optimiert und zugeschnitten.

„Mit dem Bausatz KS*PLUS erhält der Kunde ein inzwischen normativ geregeltes Bausystem, mit dem er Objekte schnell und reibungslos erstellen kann", so Geschäftsführer Dr. Hans Georg Leuck: „Die erforderlichen Überbindemaße werden vorab eingeplant und so wird Abfall auf der Baustelle vermieden."

Die Planelemente machen heute rund 75 Prozent der Holdorfer Produktion aus. Die Standardelemente sind etwa einen Meter lang, 50 oder 62,5 Zentimeter hoch sowie 11,5 bis 36,5 Zentimeter breit und wiegen bis zu 300 Kilogramm. Außerdem werden die für eine fertige Wand benötigten Pass- und Ergänzungssteine im Werk hergestellt. Auf der Baustelle werden die Bausätze mit kleinen Kränen verarbeitet.

An ihren elf Standorten hat die Gruppe, die am Markt als BMO KS-Vertrieb Bielefeld-Münster-Osnabrück auftritt, immer ein breites Sortiment der verschiedenen Steinformate in großen Mengen am Lager. Daher kann sie rasch und flexibel sowie meist auch auf kurzen Wegen liefern. Das spart Transportkosten und schont die Umwelt. Der Kalksandstein ist ein Produkt aus der Region für die Region.

Ein weiterer Vorteil des Kalksandsteins: Eine massive Steinwand bietet einen Wärmepuffer und wirkt wie eine „Wärme-Batterie". Im Winter dämmt sie den Wärmeverlust, im Sommer wirkt sie kühlend. Das spart an kalten Tagen Heizkosten: Ein Holzhaus mit deutlich leichteren Wänden hat deshalb einen rund 6 Prozent höheren Energiebedarf als ein gemauerter Massivbau aus Steinen.

Das Kalksandsteinwerk Holdorf aus der Luft.   

Rund 150 Mitarbeiter beschäftigt BMO, davon allein 34 in Holdorf. Sie sorgen dafür, dass dort eine enorme Produktion läuft: 170 Millionen Steine im Normalformat pro Jahr, 40 Millionen davon allein in Holdorf. An einem durchschnittlichen Arbeitstag verlassen über 145.000 Steine das Holdorfer Werk. Davon können zehn komplette Einfamilienhäuser gebaut werden. Der Standort Holdorf ist der größte im Verbund und trägt entscheidend zum Erfolg des Unternehmens bei: Die BMO KS-Vertrieb lieferte im zurückliegenden Jahr rund 350.000 Kubikmeter Kalksandsteine der verschiedenen Formate und erzielte einen Umsatz von rund 45 Millionen Euro. Holdorf ist daran mit acht Millionen Euro beteiligt. 2018 wurden hier 80.000 Kubikmeter Steine produziert – größtenteils aus Sand, der direkt hinter dem Werk aus dem Kalksandsteinsee gewonnen wird. Ein verantwortungsvoller, möglichst sparsamer Umgang mit der für die Steinhärtung notwenigen Energie ist seit Jahrzehnten für die Holdorfer Werksleiter selbstverständlich – lange bevor Energieeinsparung  zum allgemeinen Thema wurde. Deshalb gehört Holdorf seit Jahren, wie der mengenmäßige Betriebsvergleich der Kalksandsteinindustrie zeigt, zu den Werken mit dem niedrigsten Energieverbrauch in Deutschland. Trotz der großen Produktionsmenge werden konstant weniger als 9.000 Megawattstunden Erdgas im Jahr verbraucht.

Damit auf der Baustelle alles passt und der Kunde zufrieden ist, arbeiten Außendienst und technische Berater der BMO KS-Vertrieb eng mit Bauunternehmen und Architekten zusammen. Es gibt sogar einen eigenen Maurermeister, der die Handwerker auf den Baustellen fachlich betreut.

Geschäftsführer Dr. Hans Georg Leuck ist sich sicher, dass es einen großen Nachholbedarf beim Wohnungsbau in unserer Region gibt. Erst jüngst wurde ermittelt, dass in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg viele Wohnungen fehlen: Nach einer aktuellen Wohnungsmarkt-Analyse, die die BMO für die Landkreise Vechta und Cloppenburg beim Pestel-Institut (Hannover) in Auftrag gegeben hat, besteht ein Bedarf von knapp 790 Wohnungen im Landkreis Vechta.

Für den Landkreis Cloppenburg ermittelt das Pestel-Institut ein Defizit von nahezu 340 Wohnungen. Ein handfester Wohnungsmangel vor der eigenen Haustür. Und das, obwohl kräftig gebaut wurde: Im vergangenen Jahr sind im Landkreis Vechta 1.086 (LK Cloppenburg: 1.320) Wohnungen neu entstanden – darunter 625 (LK Cloppenburg: 773) in Ein- und Zweifamilienhäusern. Von denen wiederum wurden 516 (LK Cloppenburg: 638) mit Mauerwerk errichtet. Die Analyse des Pestel-Instituts bietet aber noch weitere Aspekte: Knapp 41 Prozent der Gebäude im Landkreis Vechta (knapp 40 Prozent im LK Cloppenburg, 65 Prozent in ganz Niedersachsen) sind 40 Jahre oder älter. Der überwiegende Teil dieser Häuser ist nicht altersgerecht. Gut 870 Haushalte im Landkreis Vechta (gut 1.750 Haushalte im LK Cloppenburg, gut 53.500 in ganz Niedersachsen) waren trotz ihrer Einkommen nach der aktuellsten Statistik in 2017 bei der Miete auf Unterstützung vom Staat angewiesen – sie bezogen Wohngeld.

Produktion der Passstücke im Werk Holdorf.   

Zu dieser großen wohnungsbaupolitischen Herausforderung kann die Holdorfer Produktion einen wichtigen Beitrag leisten: Wie die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE Kiel) ermittelt hat, ist für die Erstellung von Außenwänden im Wohnungsbau der Mauerwerksbau die deutlich wirtschaftlichste Konstruktionsart. Die Rationalisierung im Mauerwerksbau, wie sie zum Beispiel mit dem KS*PLUS-System erfolgt, bringt noch zusätzliche, deutlich messbare Einspareffekte.

Als Mittel für bezahlbare Wohnbauten in größerer Zahl wird heute häufig serielles Bauen (in Serien vorgefertigte Module) empfohlen, bei dem meist keine regionalen Baustoffe eingesetzt werden. Demgegenüber reagiert sogenanntes typisiertes Bauen in der Regel wesentlich flexibler auf individuelle Standortanforderungen als serielle Bauweisen. Hier werden erprobte Grundrisse genutzt und die Gebäude wiederholt errichtet. Sie können in verschiedenen Konfektionierungen ausgeführt und an die speziellen Anforderungen an das jeweilige Grundstück und die Standortvorgaben zugeschnitten werden. Beim typisierten Bauen müssten auch die Wandabwicklungen für die Planelemente nicht für jeden Bau einzeln erstellt, sondern könnten mehrfach verwendet werden.

Bei der Suche nach den wesentlichen Kostentreibern im Wohnungsbau hat die ARGE herausgefunden, dass dies nicht die Primärkonstruktion (der Rohbau), sondern mit Abstand der technische Ausbau ist. Will man kostengünstigen Wohnungsbau erreichen, sollte stärker darauf geachtet werden. Außerdem würden weitere qualitative, normative oder gesetzliche Standardanhebungen die Erstellung bezahlbaren Wohnraums erheblich erschweren.

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