Arbeitsmarkt

Gewinner der Digitalisierung

Autor*in: DR. MICHAEL HOFFSCHROER

Kaum ein Gespräch zwischen Unternehmern kommt aktuell zustande, ohne dass mindestens einmal das Schlagwort Digitalisierung fällt. In unserem Jobstarter-plus-Projekt „SHK + MEHR – Digitalisierung in den Gebäudetechnik-Handwerken" hat die Kreishandwerkerschaft Cloppenburg in den letzten zwei Jahren eine erhebliche Kompetenz im Bereich der digitalen Transformation aufgebaut.

Hauptgeschäftsführer Dr. Michael Hoffschroer befasst sich intensiv mit den Auswirkungen der Digitalisierung im Handwerk.   

Zunächst einmal haben wir in diesem Kontext zum Beispiel eine Arbeitsdefinition des Begriffes Digitalisierung im Handwerk erstellt: „Digitalisierung ist ein Veränderungsprozess im Handwerksunternehmen, der sowohl die fachlich-technischen, die organisatorisch-verwaltenden als auch die kommunikativen Bereiche derart betrifft, dass dort die Sammlung, Verarbeitung, Nutzung und der Austausch von elektronischen Daten zur zentralen Aufgabe wird." Auf Basis dieses gemeinsamen Verständnisses arbeiten wir nun daran, das Handwerk im Landkreis Cloppenburg noch besser auf die digitale Zukunft vorzubereiten. Wesentliche Meilensteine des Projektes SHK + MEHR sind darüber hinaus Informationsveranstaltungen zu den betrieblichen Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung durch die Digitalisierungsprozesse. Diese werden in Kooperation mit Anbietern digitaler Technologie, der Handwerkskammer, dem Landes- und Bundesinnungsverband sowie Initiativen zur Digitalisierung der Wirtschaft in Niedersachsen praxisnah umgesetzt.

Des Weiteren geht es um Betriebsberatungsangebote mit dem Ziel, die Betriebsinhaber vor Ort dabei zu unterstützen, das Thema Digitalisierung noch intensiver in die tägliche Ausbildung zu integrieren. Dritter Baustein ist die Entwicklung und Erprobung einer mehrteiligen Weiterbildung für Ausbilder im SHK-Handwerk. Ziele hierbei sind der Erwerb von Ausbilder-Kompetenzen im Bereich der digitalen Technologie und die effiziente Vermittlung dieser Kompetenzen an die handwerklichen Auszubildenden.

Digitalisierungsberater Andreas Dalinghaus (rechts) informiert und berät Innungsbetriebe aus den gebäudetechnischen Handwerken zu den Herausforderungen der digitalen Transformation.   

Strukturelle Fehleinschätzung

Wichtigste Aufgabe für die Handwerksorganisation ist momentan die Sensibilisierung der Mitgliedsunternehmen für die Auswirkungen der Digitalisierung und die Geschwindigkeit, mit der dieser Megatrend Veränderungen in den Märkten mit sich bringt. Denn nur wenn unsere Betriebe aktiv werden, können wir die fatalen Risiken vermeiden und die großen Chancen der Digitalisierung nutzen.

Gerade mit unserem Projekt können wir die regionalen Handwerksunternehmen vor diesem Hintergrund begleiten und mitnehmen. Wir organisieren nicht nur entsprechende Informationsveranstaltungen, sondern entwickeln auch ganz konkrete Werkzeuge, die unsere Mitgliedsunternehmen in ihrer täglichen Arbeit nutzen können, um den anstehenden Themen der Digitalisierung praxisorientiert zu begegnen. In einem erprobten Befragungsprozess wurden Experten und Praktiker aus den gebäudetechnischen Handwerken (SHK, Elektro) zu über 100 Digitalisierungsthemen befragt. Ziel war es, herauszufinden, welche Bedeutung die einzelnen Themen nach Einschätzung der Handwerker in den nächsten fünf Jahren haben werden. Aufgrund der Kleinteiligkeit unserer Erhebung können wir das Thema Digitalisierung nun sehr weit runterbrechen und sind damit auch in der Lage, „kleine Digitalisierungshappen" zu präsentieren. Damit gelingt es, Handwerksunternehmen mitzunehmen und nicht zu überfordern.

Die Ergebnisse im Detail finden Sie auf unserer Internetseite unter www.handwerk-cloppenburg.de/projekte/shk-mehr.php

Eine – zugegebenermaßen provokante – These, die sich aus der Erhebung ableiten lässt, lautet dabei, dass das Handwerk gerade dabei ist, sich selber abzuschaffen. Hintergrund ist die strukturelle Fehleinschätzung zur Bedeutung von Plattformmärkten durch die Handwerksunternehmen. Sowohl im Einkauf als auch im Vertrieb haben Plattformmärkte für unsere Unternehmen bisher keine Bedeutung. Und das in Zeiten, in denen Amazon, AirBnB, Uber, Thermondo und andere Plattformen die Wirtschaft verändern. Aber das ist heute nicht mein Thema.

Als Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg habe ich mich vor diesem Hintergrund nämlich selbstverständlich auch sofort gefragt, was das für uns als Teil der Handwerksorganisation bedeutet.

Insbesondere das Elektrotechniker-Handwerk sowie das Sanitär-, Heizung- und Klimatechniker-Handwerk unterliegen rasanten technischen Veränderungen.   
Mindestens ebenso tiefgreifend wie die Veränderungen im Bereich Technik sind die Entwicklungen in den Themenfeldern Arbeitsprozesse, Kommunikation und Qualifizierung.   

Und wie gehts weiter?

Kennst Du den Podcast von Jörg Mosler (https://www.joerg-mosler.de/podcast/)? Wer zu den Themen Mitarbeitergewinnung im Handwerk und Digitalisierung sehr spannenden und informativen Input bekommen möchte, dem empfehle ich dringend, dort mal reinzuhören. In Folge #114 seines Workerscast interviewte Jörg Mosler DEN Experten für Digitalisierung im Handwerk Christoph Krause zum Thema „So rockst du die Digitalisierung".

Aus dieser Folge und meiner Erfahrung aus dem Projekt SHK + MEHR sowie dem täglichen Umgang mit Innungsbetrieben, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie bewältigen wir die Herausforderungen der Digitalisierung, sehe ich große Möglichkeiten im Bereich der Plattformmärkte für Innungen und Kreishandwerkerschaften.

In Cloppenburg jedenfalls denken wir gerade sehr ernsthaft darüber nach, welche Unterstützung und Vernetzungsangebote wir unseren Mitgliedern anbieten können und wollen. Hier will ich Euch gern erste Stichworte mit auf den Weg geben und würde mich über ein Feedback dazu freuen.

Plattform zur Kundenansprache

Schon heute bieten viele Handwerksorganisationen eine Online-Handwerkersuche an. In einigen Gewerken und Regionen bestehen Datenbanken, bei denen potenzielle Kunden sich über angebotene Dienstleistungen und Spezialisierungen zentral informieren können. Kann es uns als Innung oder Kreishandwerkerschaft gelingen, daraus eine gemeinsame Plattform zur Kundenansprache zu formen und am Markt zu etablieren?

Plattform zur Fachhandwerkervernetzung

Größere Aufträge werden heute schon von Arbeitsgemeinschaften mehrerer Handwerksunternehmen durchgeführt. Auch in unserer Region gibt es Zusammenschlüsse und gemeinsame Auftritte von Fachhandwerkern aus verschiedenen Gewerken, um zum Beispiel Service aus einer Hand anzubieten. Welche digitalen Möglichkeiten können wir hier von Innungen und Kreishandwerkerschaften bereitstellen, um unseren Mitgliedern Vorteile gegenüber Wettbewerbern zu ermöglichen?

Plattform zum Tool-Sharing

Teures Spezialwerkzeug, das übers Jahr weitgehend ungenutzt in den Magazinen liegt, verursacht hohe Kosten. In der Landwirtschaft gab es als Lösung zur Kostenreduzierung dafür lange Zeit so genannte Maschinenringe. Heute zeigt die zunehmende Akzeptanz von Car-Sharing-Angeboten, dass auch in Deutschland die Sharing-Economy zunehmende Akzeptanz findet. Sind Innungen oder Kreishandwerkerschaften nicht prädestiniert dafür, als digitaler Mittler die gemeinsame Nutzung solcher Spezialwerkzeuge und -maschinen zu organisieren?

Plattform zum gemeinsamen Einkauf

Auch Einkaufgenossenschaften sind in der deutschen Wirtschaft und im Handwerk keine unbekannten Organisationsformen. Insofern stellt sich die Frage, ob Innungen und Kreishandwerkerschaften diese bewährte Form der Kooperation nicht aufgreifen und in die Zukunft transferieren können, um die Möglichkeiten neuer digitaler Plattformmärkte im Interesse der Mitglieder nutzbar zu machen.

Plattform für Big-Data-Management

Der wahre Schatz vieler Handwerksunternehmen liegt zurzeit noch völlig brach: Kundendaten. Kann es Innungen und Kreishandwerkerschaften gelingen, Datenbanken aus Quellen in den Mitgliedsunternehmen zu füllen, die Daten aufzubereiten, zu verarbeiten und/oder zu vermarkten? Sind wir gegebenenfalls sogar die, die die Netze für den Datenaustausch bereitstellen, wenn es Telekommunikationsunternehmen nicht gelingt, die flächendeckende Versorgung zu organisieren?

Und was stellt ihr Euch vor?

Neben diesen fünf Ansätzen bietet die Digitalisierung sicherlich noch viele weitere, kreativere, grundlegendere, spannendere, radikalere Möglichkeiten, neue Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln, die Innungen und Kreishandwerkerschaften ihren Mitgliedern in Zukunft anbieten können.

Was sind Eure Ideen als Führungskraft in der Handwerksorganisation? Was würdet Ihr Euch als Innungsmitglied von Eurer Geschäftsstelle wünschen?

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