Agrar- und Ernährungswirtschaft

Von Norddöllen in die Welt

Autor*in: UTE GOOSSENS

Das international tätige Unternehmen Holzmühle Westerkamp GmbH ist fest im Oldenburger Münsterland verankert. Seit die erste Mühle – noch als Getreidemühle – vor mehr als einem Jahrhundert in Norddöllen entstand, hat sich viel verändert. Durch die jahrzehntelange Erfahrung in der Holzmehlvermahlung, Herstellung und Entwicklung von innovativen Produkten und Rezepturen hat sich das Unternehmen einen Namen in der Branche geschaffen. Heute ist Westerkamp ein moderner Industriebetrieb, der mit viel Know-how und Anlagen auf dem neuesten Stand der Technik vielfältige Basics für hochwertige Qualitätsprodukte verschiedenster Industriezweige anbietet.

Das Westerkamp-Betriebsgelände: Von Norddöllen in die Welt.   

Die Produktpalette reicht von Holzmehl für die Filtration von Fetten oder Glukose bis hin zu Holzfasern für die Herstellung von Biokunststoffen, Faserverbundstoffen und WPC. Darüber hinaus finden die Holzfasern Verwendung im Bereich ökologische Reinigungsprodukte und in der Herstellung von Bodenbelägen sowie im Bereich Angelbedarf. Eine Besonderheit ist die Aufbereitung des Holzmehles nach einem patentierten Verfahren zu Lignocellulose. Die hieraus entstandenen Produkte finden Anwendung als Einzelfuttermittel oder Mischfuttermittel oder als Vormischung in der Tierernährung. Zur Komplettierung des Produktportfolios in diesem Segment stellt Westerkamp eine Einstreu und ein Hygienepulver für Ferkel her. Ein Blick zurück verdeutlicht, dass diese Entwicklung viele Jahrzehnte und mehrere Generationen gebraucht hat. Daher möchten wir die Erfolgsgeschichte von Anfang an erzählen.

Auf Kundenwunsch – und wenn die Möglichkeit besteht – liefert Westerkamp die Produkte auch mit Silofahrzeugen bis an die Tür der Kunden.   
Natürliche Futtermittel- und Einstreuprodukte von Westerkamp.   

Ein bisschen Geschichte

Die Holzmühle hat eine lange Tradition. Eine Mühle gab es an diesem Standort schon seit 1870. Damals wurde in Norddöllen noch Getreide gemahlen und Schwarzbrot gebacken. 1955 wurde der Mühlenbetrieb von Getreide auf Holzmehlvermahlung umgestellt. Das produzierte Holzmehl wurde vorwiegend für die Herstellung von Linoleum verwendet. 1957 brannte der gesamte Betrieb infolge einer Staubexplosion vollständig ab, wurde danach wieder aufgebaut und setzte die Holzmehlproduktion fort. 1983 trat Herr Arnold Westerkamp in den Betrieb ein, den er seit dem Tod seines Vaters im Jahre 1991 als alleiniger Inhaber führt. Ein wichtiger Meilenstein in der Firmengeschichte tat sich kurz nach der Jahrtausendwende auf.

2003 kam die Firma Agromed aus Österreich auf Arnold Westerkamp zu – mit der Idee, feines Holzmehl für die Tierfutterindustrie herzustellen. Dieser Einsatzzweck für Holzmehl überraschte Herrn Westerkamp zwar sehr, doch er sagte sich: „Das klingt zwar ein bisschen utopisch. Aber mal sehen, was dabei herauskommt!"

Nach der ersten Lieferung machte er sich auf den Weg nach Kremsmünster in Oberösterreich und hörte sich das Konzept an. Auf dem Rückweg schüttelte er nur den Kopf und dachte sich: „Mit Holzmehl Schweine füttern – wie soll das denn funktionieren?" Nach etlichen Gesprächen und Versuchen kam ein erstes Produkt für Testzwecke heraus. Es folgte eine zweite Bestellung für die Garant-Futtermittelwerke in Pöchlarn. Nach etlichen Gesprächen in Norddöllen und Kremsmünster waren alle von der Idee, Holzmehl (oder, besser gesagt: „Lignocellulose") als Rohfaser für die Tierfutterindustrie anzubieten, überzeugt. Mit Prof. Dr. Dr. Neufeld kam überdies auch ein renommierter Wissenschaftler dazu, der die Firma bei den Studien und Zulassungen tatkräftig unterstützte.

Zusammen mit Helmut Grabherr, dem Geschäftsführer der Firma AGROMED AUSTRIA GMBH, dem Ideengeber von Holzmehl als Rohfaser für die Tierernährung, wurden die drei Entwickler nicht müde, Versuche zu unternehmen Holzmehl ohne Zusätze zu pelletieren. Herr Westerkamp brachte dabei seine jahrelange Erfahrung in der Verarbeitung von Holzmehlen und seine Ideen zu eigenen Maschinentechnik ein. Helmut Grabherr hatte Erfahrung und gute Kontakte zur Futtermittelindustrie und Herr Prof. Dr. Dr. Neufeld verfügte über wissenschaftliche Kompetenz und Verbindungen zu den Universitäten. Gemeinsam schafften sie die Grundlage für diesen innovativen Weg. Die Anforderungen an die Umsetzung der Idee jedoch bereitete auch den Maschinenbauern einiges Kopfzerbrechen.

Die Firma SALMATEC stellte eine Presse zur Verfügung, die 2004 in einer Lagerhalle notdürftig aufgebaut wurde und mit der die ersten 25 Tonnen FibreCell nach etlichen gescheiterten Versuchen produziert wurden. Ein halbes Jahr später stand die erste Pelletieranlage, geliefert von der Firma SALMATEC aus Salzhausen. 2009 schließlich wurde die zweite Anlage installiert. Mittlerweile umfasst das Sortiment für die Futtermittelindustrie 15 Produkte, die mit drei Patenten abgesichert sind. Weitere Produktideen sind auf dem Weg.

Der Vertrieb für die Futtermittel und Einstreu erfolgt über Agromed in Österreich. Die Futtermittel gehen in Containern, Silofahrzeugen oder normalen Sattelzügen zum Empfänger. Agromed verfügt über ein weltweites Vertriebsnetz und gute Kontakte, so dass die Produkte auch in kleinen und abgelegenen Orten in Asien, Australien, Südamerika oder auch ganz in der Nähe zu finden sind. Die Firmengeschichte nahm so ihren weiteren Lauf und man kam zu der Erkenntnis, dass einfach mehr Produktionskapazitäten benötigt werden.

Den 2012 gefassten Entschluss, ein zusätzliches Werk zu bauen, bestärkte die gute Auftragslage und die gute Auslastung. So wurde das gegenüberliegende Grundstück erworben. Dann sollte es eigentlich zügig losgehen. Doch der harte und lange Winter 2013/2014 und die vielen technischen Auflagen und Hindernisse führten zu Verzögerungen. Nach etlichen Veränderungen der Zeichnungen, teils wegen effizienzsteigernder Ideen von Herrn Westerkamp, aber auch wegen neuer Bauauflagen, wurde der Grundstein für das erste Gebäude gelegt.

Auch die eigens konstruierte Produktionstechnik stellte alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Oft haben die Konstrukteure und Herr Westerkamp zusammengesessen und nach praktikablen Wegen für ein Problem gesucht. Letztendlich wurde immer eine gute Lösung gefunden.

Im September 2014 schließlich wurden die neuen Mühlen, die Pelletierung und die automatische Absackung in Betrieb genommen. Man kann mit Sicherheit sagen, dass nur durch das Zusammenwirken vieler Hände, durch Einsatzbereitschaft, Kreativität und viele Ideen aller Beteiligten dieser Erfolg möglich wurde. Nicht zu vergessen ist aber auch der Einsatz der Mitarbeiter, die in der ganzen Zeit mit zum Wachstum des Unternehmens beigetragen haben.

2014 entstand Werk II für Vermahlung, Pelletierung, Absack-Linie und Lager.   
Blick in die Produktion der Westerkamp GmbH.   

Kundenorientiert und qualitätsbewusst

Die Stärke von Westerkamp ist es, auf kundenspezifische Wünsche und Anforderungen einzugehen. Das gilt sowohl für die Ware an sich wie auch für Verpackungsart und Verpackungsmöglichkeiten. So wächst das Produktportfolio stetig.

Dank der 2015 in Betrieb gegangenen neuen und Absackanlage kann die Ware kundenspezifisch in kürzester Zeit verpackt und für den Transport vorbereitet werden. Die angrenzende Lagerhalle bietet hierfür ausreichend Platz bis zur Abholung. Eine neue Trocknungsanlage mit Wärmerückgewinnung und weitere Lagerhallen mit integrierten Verpackungs- und Verladeeinrichtungen sind ebenfalls zeitnah geplant.

Sowohl für die Filtration von Altfetten und deren Aufbereitung zu Biodiesel als auch in der Lebensmittelindustrie für die Herstellung von Glukose und Stärke ist Holzmehl ein nachhaltiges und effizientes Filtrationshilfsmittel, dass nach Gebrauch auch noch zur Gewinnung von Prozesswärme verwendet werden kann. Im Sektor Bioverbundfaserstoffe und Biokunststoffe auf der Basis von Holzmehl liegt weiteres Potenzial. Hier steht die Firma in engem Kontakt mit den Hochschulen.

Nachhaltigkeit gehört zur Firmenphilosophie; so stammt ein Großteil der Ware aus nachhaltigem Waldbau und ist PEFC-zertifiziert. Die Wärme für die Trocknung wird mit einer Holzhackschnitzelheizung erzeugt. Seit 2014 ist das Unternehmen nach DIN EN 50001 (Energiemanagement) zertifiziert.

Auch der Bereich Qualitätsmanagement wird im Hause Westerkamp groß geschrieben. Der gesamte Betrieb wird streng nach einem HACCP-Konzept geführt. In beiden Werken wird gemäß der Vorgaben der Lebensmittel- und Futtermittelbranche gearbeitet. Im hauseigenen Labor werden Analysen durchgeführt und Muster zur Rückverfolgbarkeit archiviert. Das Unternehmen ist nach den Standards ISO 9001:2015, QS, GMP+, Koscher zertifiziert. Diese akribische Arbeitsweise, die guten Produktideen und die sowohl enge wie sehr zuverlässige Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten haben entscheidend zum Erfolg beigetragen.

Um auch in Zukunft den Führungskräftenachwuchs für das Unternehmen zu sichern, bildet Westerkamp seit 2012 aus. So haben bereits vier kaufmännische Auszubildende und drei gewerblich-technische Auszubildende erfolgreich ihre Prüfung vor der IHK abgelegt. Momentan befinden sich sechs Auszubildende in den Berufen Industriemechaniker, Maschinen- und Anlagenführer, Metallbauer, Industriekaufleute und Bürokaufleute im Unternehmen, die durch die vielfältigen Aufgaben und Ausrichtungen des Betriebes ein umfangreiches Wissen in Theorie und Praxis erwerben.

Westerkamp GmbH hat sich zum Ziel gesetzt, auch weiterhin ein Wirtschaftsmotor für die Region zu sein. Neue Ideen, Produkte, Projekte und Anwendungen in Zusammenarbeit mit Kunden, Hochschulen und Kooperationspartnern stehen auf dem Programm. Aus dem Oldenburger Münsterland werden die Produkte national und international vermarktet. So findet man die Produkte aus dem Hause Westerkamp in über 50 Ländern der Erde. Und jedes Jahr kommen weitere Länder und Märkte hinzu.

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