Agrar- und Ernährungswirtschaft

Erfolgreich durch Wandel

Autor*in: DR. BARBARA GRABKOWSKY

Die Welt erlebt gerade einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel von immensen Ausmaßen in einer beeindruckenden Dynamik. Diese Transformation wird angetrieben durch neue technische, digitale Möglichkeiten, die ein radikal verändertes Informations- und Kommunikationsverhalten und ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis hervorgebracht haben.Konsummuster, Nachfrageverhalten und politisches Abstimmungsverhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern verändern sich.

Starke Allianz für die Zukunft der Region: Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.   

Das zeigt Wirkung: Ganze Wirtschaftsbereiche verändern sich oder verschwinden, wie der Ausstieg aus Atom- und Kohleenergie oder der Ausbau der E-Mobilität zeigen. In der Agrar- und Ernährungswirtschaft zeigen sich Strukturveränderungen, die teilweise zur Neuorganisation ganzer Wertschöpfungsketten führen. Parallel dazu erreichen ökologische Themen das gesellschaftliche Bewusstsein. Insbesondere auch, da in der Vergangenheit oftmals ohne Berücksichtigung von ökosystemaren Belastungsgrenzen gewirtschaftet wurde. Klimawandel, Biodiversität und die Nährstofffrage sind die Top-3-Handlungsfelder für die Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Herausforderungen als Zukunftschance

Mit dem Ziel eines zukunftsfähigen Agrar- und Ernährungssystems im Oldenburger Münsterland gilt es, Transformationskorridore und -perspektiven zu entwickeln, die es den landwirtschaftlichen Betrieben und den vor- und nachgelagerten Bereichen ermöglichen, mittel- und langfristig auf sicherer Basis zu wirtschaften. Dafür ist ein „Neudenken" von Prozessen, Produktion und Produktportfolios erforderlich.

Im Kontext globaler Belastbarkeitsgrenzen werden innovative, ressourcenorientierte und gesellschaftlich akzeptierte Konzepte für Acker, Tier und Teller benötigt. Zentrale Herausforderung dabei ist, dass neben einer ökosystemaren Tragfähigkeit auch soziale, klimatologische und insbesondere auch ökonomische Belange berücksichtigt sein müssen, um echte Zukunftsperspektiven darstellen zu können.

Zur Bewältigung dieser Herausforderungen sind Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen gefordert. Vor dem Hintergrund wurde der Verbund Transformationsforschung Agrar Niedersachsen ins Leben gerufen, der zentrale Akteure für diese Aufgabe zusammenführt.

Gemeinsam mit fünf Universitäten Niedersachsens, dem Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland e.V., der Oldenburgischen IHK, der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer und dem kleinen Kreis e.V. soll die Forschung in den Gebieten der nachhaltigen Agrar- und Ernährungswirtschaft intensiviert werden. Beratend und als Impulsgeber stehen die zwei Naturschutzverbände WWF und BUND Niedersachsen sowie das niedersächsische Ministerium für Landwirtschaft und Wissenschaft dem Verbund zur Seite.

Die Verbundarbeit wird seit September 2017 von der wissenschaftlichen Koordinierungsstelle begleitet, die an der Universität Vechta angesiedelt ist. Zentrale Aufgaben der Koordinierungsstelle sind Wissenstransfer, Vernetzung sowie die Entwicklung und Begleitung von Verbundforschungsprojekten – zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft.

Der Verbund Transformationsforschung agrar und seine Koordinierungsstelle verstehen sich dabei als Ansprechpartner für alle, die Ideen für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Agrar- und Ernährungswirtschaft in die Praxis umsetzen wollen. Das Team der Transformationsstelle nimmt die Impulse auf, vermittelt kompetente Ansprechpartner und begleitet Projektanträge.

Daneben nimmt die Moderation von Transformationsprozessen einen zunehmenden Stellenwert ein: Durch breit angelegte Diskussionsforen, InnoCamps und Zukunftswerkstätten trägt die Koordinierungsstelle dazu bei, dass Diskurse geführt, Zielbilder entwickelt und mit Meilenstein-Papieren Impulse zur Regionalentwicklung erarbeitet werden.

Daneben ist die Koordinierungsstelle auch in Europäischer Mission unterwegs: Damit auch Weichen in Brüssel gestellt werden können, wird in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium ein strategisches Netzwerk mit Europäischen Agrar-Regionen etabliert, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie Niedersachsen. Gemeinsam sollen Lösungen und Handlungsempfehlungen für eine nachhaltigkeitsorientierte Agrarsysteme und -politik entwickelt werden.

Mit Respekt und Herz für die traditionsreiche Region setzt sich das Team der Koordinierungsstelle gemeinsam mit den Verbundpartnern für die nachhaltige Entwicklung von agrarischen Intensivregionen ein und möchte dabei das OM als Reallabor für kluge und zukunftsorientierte Ideen, Lösungen und Konzepte für eine Agrarwirtschaft der Zukunft etablieren.

Zahlreiche Projekte, die im Verbund durchgeführt werden, erforschen Möglichkeitsräume, generieren neue Erkenntnisse und zeigen Handlungsfelder auf. Die nachfolgende Auswahl stellt einen kleinen Ausschnitt der Projektvielfalt dar.

Sustainability Transitions in der Lebensmittelproduktion

  • Alternative Proteinquellen in sozio-technischer Perspektive
  • Universität Göttingen
  • Dr. Marie Diekmann

Das Projekt befasst sich mit der Frage, welche Potenziale die Erschließung alternativer Proteinquellen auf Algenbasis für die Humanernährung und die nachhaltige Transformation im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft haben. Daneben wird untersucht, welche Potenziale Proteinquellen auf Algen- oder Insektenbasis für die Tierernährung im Bereich Schwein und Geflügel haben. Bei Erfolg könnte eventuell ein Teil der erheblichen Importe meist gentechnisch veränderter proteinhaltiger Futtermittel substituiert werden. > uni-goettingen.de/de/519937.html

Virtueller Stall der Zukunft

  • Neue Konzepte für die Schweinehaltung
  • Universität Göttingen
  • Prof. Dr. A. Spiller

Bei der Entwicklung von gesellschaftlich akzeptablen und praktisch realisierbaren Stallbaukonzepten für die Schweinehaltung lautet die Kernfrage: Wie lassen sich die Erwartungen der Gesellschaft, wirtschaftliche und fachliche Gesichtspunkte sowie dabei möglicherweise auftretende Zielkonflikte miteinander vereinbaren?

Das Projekt „Virtueller Stall der Zukunft" soll hierzu Antworten liefern. Es werden Ansätze der Nutztierwissenschaften, der Agrartechnik, des Stallbaus, der Betriebswirtschaftslehre sowie der Akzeptanzforschung kombiniert. Unter Einbeziehung von Personengruppen aus Landwirtschaft und Gesellschaft werden in einem professionell moderierten und wissenschaftlich begleiteten interdisziplinären Diskurs innovative Schweinehaltungssysteme, die gesellschaftlich akzeptabel und durch die Landwirtschaft realisierbar sind identifiziert, beschrieben und fachlich bewertet.

Zukunftswerkstatt mit der KLJB und Nachwuchswissenschaftlern.   

Wasserlinsen als Proteinquelle für Monogastrier

  • Entwicklung eines standardisierten
  • Produktionsprozesses von Wasserlinsen
  • als Proteinquelle für Monogastrier (LemnaProtein)
  • Hochschule Osnabrück
  • Prof. Dr. Heiner Westendarp

Im Projekt „LemnaProtein" wird an einem Verfahren geforscht, um die Gülle auf dem eigenen Betrieb als Basis für Futtermittel zu nutzen. Der in der Gülle enthaltene Stickstoff soll zur Düngung von Wasserlinsen genutzt werden, die in einem Gewächshaus auf dem eigenen Betrieb gezüchtet werden. Die getrockneten Wasserlinsen dienen als alternative Proteinquelle für Futtermittel von Schweinen und Hähnchen – eine Rückführung der Gülle in den Stoffkreislauf. Weil der Wasserlinsenanbau keine Fläche verbraucht, könnte hier eine regionale Ersatzstrategie für Soja als Eiweißpflanze geschaffen werden.

SoundHooves

  • Stiftung Tierärztl. Hochschule Hannover
  • Prof. Dr. Nicole Kemper

In diesem Vorhaben entwickeln die Projektpartner ein System, um Klauenerkrankungen bei Rindern anhand des erzeugten Körperschalls beim Auftreten der Tiere möglichst früh zu erkennen. Spezielle Sensoren werden dafür an Spaltenbodenelementen angebracht und messen das erzeugte Geräusch. Länge und Amplitude des Trittschalls werden über ein automatisiertes Messsystem ausgewertet und können damit pro-aktiv Hinweise auf Lahmheiten sowie Erkrankungen wie z.B. Klauenfäule oder Sohlengeschwüre liefern.

Zanexus

  • Zukunftsfähige Agrarpolitik: Natur erhalten, Umwelt sichern.
  • Universität Osnabrück
  • Dr. Fabian Thomas
  • Entwicklung wissenschaftlich basierter Optionen für die künftige Ausgestaltung der Agrarpolitik aus der Perspektive des Natur- und Umweltschutzes.

Den Kern des Projektes bildet die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für die Politik im Hinblick auf unterschiedliche agrarpolitische Entwicklungspfade und die Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten, möglichen neuen Architektur für den Agrarsektor. Die Ergebnisse wurden mittels eines Politikpapiers und eines Pressegespräches in die öffentliche und politische Diskussion eingebracht.

Das Vertiefungsprojekt zu ZANEXUS versucht derzeit, die vorgeschlagene neue Architektur zu operationalisieren und den Ansatz im Detail auszuarbeiten. Weiterhin werden mit Hilfe von Befragungen die Reaktionen von Landbewirtschafter/innen sowie anderen relevanten Akteuren beispielsweise aus den Umwelt- und Agrarverwaltungen einbezogen, um die Praktikabilität des Ansatzes zu evaluieren und die vorgestellte Architektur weiter zu verfeinern. 

> usf.uni-osnabrueck.de/forschung/ressourcenmanagement/za_nexus.html

Gemeinsam in Europäischer Mission: Strategische Konferenz in der niedersächsischen Landesvertretung in Brüssel, November 2019.   

ASP-Risikoampel

• Biosicherheit verbessern, aber wie? Mit der „ASP-Risikoampel"
• Universität Vechta
• Dr. Maria Gellermann,
• Dr. Barbara Grabkowsky

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) steht kurz vor der deutsch-polnischen Grenze und bedroht damit die gesamte Wertschöpfungskette der Schweineproduktion in Deutschland. Die Betriebe stehen vor der Herausforderung, mit Biosicherheitsmaßnahmen einen ASP-Eintrag zu verhindern. Gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Institut und einem nationalen Expertenpanel aus landwirtschaftlicher und veterinärmedizinischer Praxis, Behörden und Verbänden wird ein anonymes, kostenfreies Online-Risikobewertungs-Tool für schweinehaltende Betriebe entwickelt.

Die ASP-Risikoampel unterstützt Landwirt*innen dabei, das Risiko eines ASP-Eintrags des eigenen Betriebes einzuschätzen, das betriebliche Optimierungspotenzial zu identifizieren und individuelle Maßnahmen vorzunehmen. Das Instrument bewertet automatisch, wie stark jeder Aspekt das Risiko eines ASP-Eintrags verringert oder erhöht und gibt konkrete Handlungshinweise für den Betrieb. > risikoampel.uni-vechta.de

Transformative Forschung und Innovation für eine zukunftsfähige, verantwortungsbewusste und vielfältige Agrarund Ernährungswirtschaft – dafür steht das Wissenschaftliche Zentrum trafo:agrar an der Universität Vechta.    

Das Oldenburger Münsterland, eine Region mit Innovationskraft

Im Angesicht von Veränderungen zeigt sich, ob eine Region innovationsfähig und anpassungsbereit ist. Gerade das Oldenburger Münsterland ist ein gutes Beispiel für eine Erfolgsgeschichte. Der vorrausschauende Blick der Unternehmerschaft, Fleiß und Mut haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, aus dem einstigen Armenhaus eine dynamische und und international erfolgreiche Region zu formen.

Die aktuellen Transformationsprozesse werden die Agrar- und Ernährungswirtschaft verändern, woraus sich erhebliche Implikationen für das OM ergeben werden. Mut, Fleiß, Wille und Innovationsgeist – das alles ist in der Region vorhanden. Es sind diese Eigenschaften, die der Südoldenburger in seiner DNA trägt. Und wenn es eine Region schaffen kann, gestärkt den Wandel zu bewältigen, dann ist es das Oldenburger Münsterland.

Der Verbund Transformationsforschung agrar möchte seinen Teil dazu beitragen, unsere Region bei diesem Prozess zu unterstützen.

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