Digitalisierung im Ländlichen Raum: Dringend nötig und doch erst am Anfang

Wissenschaftsminister Thümler ist Schirmherr der Veranstaltungsreihe - Anwendungsbezogene Aspekte der Digitalisierung im Fokus von zehn Veranstaltungen 2018 und 2019 Vechta.

Veröffentlicht: 04. Mai 2018

Am 3. Mai 2018 startete die Universität Vechta ihre Veranstaltungsreihe „smart life – smart work“ zu anwendungsbezogenen Aspekten der Digitalisierung. Schirmherr ist der niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler, der auch Gast der Auftaktveranstaltung war. Über 120 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit kamen in die Aula der Universität. Der Abend wurde in Talkrunden gestaltet und moderiert von Uwe Haring, Geschäftsführer ecopark und Journalist. Den Impulsvortrag hielt Dr.in Kirsten Witte von der Bertelsmann Stiftung. Sie stellte unter dem Titel „Smart Country - analoge Herausforderungen einer digitalen Zukunft“ die gleichnamige Studie der Stiftung vor. Mittels eines Live-Votings zu einzelnen Aspekten aus Vortrag und Diskussion wurde auch das Publikum einbezogen und konnte seine Einschätzung abgeben.

Der Abend begann mit einem „Gastgebertalk“ zwischen Minister Björn Thümler, Landrat Herbert Winkel und dem Hausherr, Universitätspräsident Prof. Dr. Burghart Schmidt. Hier drehte sich das Gespräch zunächst um klassische Aspekte von Digitalisierung wie Netzversorgung und Breitbandausbau. Herbert Winkel gab zu, dass ihm der Ausbau nicht schnell genug gehe: „Es kann nicht sein, dass ein starker Wirtschaftsstandort wie der Landkreis Vechta beim Breitbandausbau quasi ein Entwicklungsland ist.“ Auch Minister Thümler sah für Niedersachsen einen „wahnsinnigen Nachholbedarf“. Er sprach sich für eine Bündelung von Landes- und Bundesmitteln aus und einfachere Verfahren bei Fördermittelanträgen. Nicht vergessen dürfe man in der Diskussion um Digitalisierung die Bereich Wissenschaft und Kultur, so Thümler weiter. Für die Universität Vechta führte Prof. Dr. Burghart Schmidt beispielhaft Projekte im Forschungsdatenmanagement, der Digitalisierung von Quartiersnetzwerken oder auch einer digitalen Stadtführung für die Nachbarstadt Cloppenburg an.

„Digitalisierung ist gerade im Ländlichen Raum ein Thema, weil sie über Wettbewerbsfähigkeit und Überlebenschancen dieser Regionen entscheidet", war das Eingangsstatement von Dr.in Kirsten Witte, Director bei der Bertelsmann Stiftung. Im Programm LebensWerte Kommune ist sie verantwortlich für die Studie „Smart Country“, die untersuchte, wie gut alle Kreise und kreisfreien Städte für die digitale Zukunft gerüstet sind. In Deutschland werde zumindest schon mal viel über Digitalisierung geredet, so Witte. In Ländern wie Estland, Schweden, Finnland oder auch Israel sei man aber schon viel weiter. Mit Praxisbeispielen wie Verkehrssteuerung durch Echtzeitdaten, Telemedizin oder individualisierte Lernformen illustrierte sie ihre These. In Deutschland „versäumen wir mitunter Chancen“, so die promovierte Volkswirtschaftlerin. In anderen Ländern seien die Mentalität und damit die Herangehensweise offener. „Unser Ziel muss es sein, die Digitalisierung zu gestalten, sonst gestaltet die Digitalisierung uns.“

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierte Witte gemeinsam mit Vertreter_innen aus Wirtschaft und Politik. Melanie Philip brachte Praxisbeispiele mit. Die Geschäftsführerin der VITA Akademie, einem niedersachsenweit agierenden Bildungsunternehmen, betonte die Fokussierung auf bedarfsorientierte Angebote. Impulse entstünden durch Nöte oder Regulierung, so beispielsweise in der Pflege im Ländlichen Raum. Unterstützung für die nicht ausreichende Zahl an Pflegekräften biete die Telepflege, Fortbildungen könnten komplett präsenzfrei angeboten werden. Wichtig seien bei ihrer Arbeit Kooperationen mit Unternehmen und pragmatische Lösungen bei Themen wie dem Datenschutz, so Philip.

Die Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Wissenschaft bezeichnete Minister Thümler als „sehr hart“ in Deutschland. Gleichwohl solle es eine Selbstverständlichkeit für Wirtschaftsvertreter werden, bei Problemen und mit Fragestellungen an Hochschulen heranzutreten. Die Vernetzung dieser beiden Bereiche sah auch das Publikum als förderlich an: 82 Prozent meinten beim Live-Voting, dass beide Seiten dadurch gewinnen. 18 Prozent sahen den Vorteil vor allem bei der Wirtschaft. Dazu berichtete aus seiner Arbeit im i4.0 Netzwerk Industrie 4.0 Niedersachsen Dr. Marian Köller. Er berät kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) zu Innovationspotenzialen und Möglichkeiten der Digitalisierung. KMU wüssten oft nicht, was an Hochschulen möglich sei, es gebe immer noch „Anbahnungshürden“. Gleichwohl seien KMU bestens geeignet, um mit der Wissenschaft zu kooperieren, da sie ob ihrer Größe und Entscheidungswege individueller und schneller agieren könnten als Großunternehmen.

Aus dem Publikum zu Wort kamen zum Ende der Veranstaltung auch die Gastgeber_innen der nächsten Veranstaltungen von „smart life – smart work“: Dr.in Barbara Grabkowsky von der Koordinierungsstelle „Transformationswissenschaft agrar“ stellte fest, dass Digitalisierung im Alltag von Agrar- und Ernährungswirtschaft schon höchst präsent sei. Bei der Veranstaltung „AgriFood 4.0 - Das Schnitzel aus der Datenleitung“ gehe es auch darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und Bedarfe für Forschungsprojekte abzuleiten.

Ein Zusammenrücken von Konsumenten und Produzenten postulierte Prof. Dr. Nick Lin-Hi aus dem Bereich Wirtschaft und Ethik: Produktionsabläufe würden sich künftig so individualisieren lassen, dass ein Artikel genauso günstig wie Massenware produziert werden könnte. Im September lädt Lin-Hi dazu zur Diskussion unter dem Titel „Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Chancen für Arbeits- und Konsumwelten.“

Ein Projekt, das bereits von Stadt und Universität Vechta bearbeitet wird, ist „LIKE! Building a Local Digital Information Culture“. Stellvertretend für die beteiligten Fächer der Universität sprach apl. Prof. Dr. Karl Martin Born aus der Geographie über eine Innovationskultur für öffentliche Dienstleistungen: Neun europäische Partner arbeiten zusammen im Projekt an digitalen Lösungen. Hardware als Internet-of-Things und Software als Digital Dashboards für Daten werden ergänzt durch eine neue Kultur mit Hacka-thons oder Co-Creation von Bürger_innen und Verwaltung. Das Projekt lädt im November zu seiner Veranstaltung von „smart life – smart work“.