Sprechstundenkompetenz auch bei Fachangestellten
Die 1,5 Arztsitze besetzt das MVZ mit vier ärztlichen Kollegen, die jeweils in Teilzeit tätig sind. Sie sind im Wechsel in der Praxis. Sollte es erforderlich werden, sind sie auch für eine telemedizinische Sprechstunde ausgerüstet. Jeden Vormittag und auch an zwei Nachmittagen ist der Standort besetzt. Manche dieser Zeiten werden eigenständig von VERAH/NäPa-Kräften abgedeckt. VERAH (Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis) und NäPa (Nichtärztliche Praxisassistenz) sind hochqualifizierte Weiterbildungen für erfahrene Medizinische Fachangestellte (MFA).
Sie dürfen damit Blutwerte besprechen, Medikationspläne erstellen und anpassen und eine Infektsprechstunde führen – alles in enger Absprache mit den ärztlichen Kollegen. Chronische Wunden werden nach ärztlichen Vorgaben von der ICW Wundexpertin des Teams, Ira Taylor, behandelt. So entlasten die Fachkräfte das ärztliche Team und sind gleichzeitig vertraute Anlaufstelle der Patientinnen und Patienten. „Das gesamte Praxismanagement ist digital hervorragend aufgestellt, so dass wir uns bei Unklarheiten auch kurzfristig ein Feedback vom Chef einholen und dann nach Weisung handeln können. Alles findet sich in der digitalen Akte, auch Fotodokumentationen.“
Mobile Visite in Pflegeeinrichtungen
Noch bevor das MVZ in Gehlenberg die Türen öffnete, startete bereits die mobile Praxis. Schlüsselfiguren auch hier: die VERAH/NäPa-Kräfte. Lisa Marie Sommer und drei Kolleginnen planen dafür eigenständig ihre Visiten in Einrichtungen: Sie schauen nach dem pflegerischen Zustand der Personen, dem allgemeinen Zustand, veranlassen Laboruntersuchungen, impfen, entnehmen Blut oder passen die Medikation an. Wie am Standort gilt auch hier: Im Zweifel ist der Draht zum Arzt kurz. „Der Bedarf ist groß, wir sind von Cloppenburg bis Brake und Verden im Einsatz.“
Von Vorteil für Personen mit chronischen Wunden ist, dass im Team auch ausgewiesene Wundexpertinnen sind. Sie machen nicht nur die mobilen Visiten, sondern sind auch im Wundzentrum aktiv. Die Versorgung erfolgt zum Beispiel mit dem modernen Unterdruckverfahren VAC, einer nichtinvasiven Behandlungsmethode. „Neben eigenen Patientinnen und Patienten bekommen wir viele Überweisungen aus anderen Praxen und Krankenhäusern, da nicht alle die entsprechende Qualifikation und medizintechnischen Voraussetzungen haben“, erklärt Lisa Marie Sommer. Bei Bedarf werden auch Schulungen zur Wundbehandlung für Personal etwa aus der Pflege angeboten.
„Der Bedarf ist groß, wir sind von Cloppenburg bis Brake und Verden im Einsatz.“ - Standortleiterin Lisa Sommer über die mobile medizinische Versorgung in Pflegeeinrichtungen.
Flexible Arbeitszeitmodelle
Lisa Marie Sommer wird demnächst ihr dreijähriges Studium als Primary Care Managerin abschließen. Damit wird sie weitere nicht-ärztliche Aufgaben wie etwa Basisuntersuchungen übernehmen dürfen. Qualifikationen wie diese hält die 36-jährige für entscheidend, um dem Fachkräftemangel in der Medizin zu begegnen. „Dadurch, dass wir hier in der Praxis viele Aufgaben delegieren können, entlasten wir das ärztliche Team und können viel mehr Menschen versorgen.“ Und weil die Chancen der Digitalisierung genutzt werden, entstehen auch deutlich flexiblere Arbeitszeitmodelle für das Personal. „Ich kann meine Touren eigenständig planen und auch entscheiden, wann und wo ich die Dokumentation erledige. Das ist ein großer Gewinn.“
Dass es Sprechzeiten zunächst nur am Vormittag gegeben habe, hätte es Berufstätigen schwer gemacht. Und auch Rezepte bei einem Chatbot zu vereinbaren, fiele nicht allen leicht, erkennt die Praxisleiterin an. „Menschen wollen eine persönliche Betreuung, und die bekommen sie bei uns in der Praxis auch.“ Wo die Digitalisierung Zeit für Patientinnen und Patienten verschaffen kann, müsse sie aber auch genutzt werden, um arbeitsfähig zu sein. „Es war schon eine große Nummer, hier ohne Patientenstamm mit neuen Konzepten zu starten. Aber unser Wachstum zeigt, dass es die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Zeit ist.“